Deutscher Gewerkschaftsbund

21.07.2022
#aktuell

aktuell 9/2022: Licht und Schatten bei der Entwicklung der Monatsentgelte in Sachsen

Positiv ist, dass die Löhne in Sachsen schneller steigen als andernorts und in allen Landkreisen und Regionen Lohnsteigerungen erzielt werden konnten. Negativ ist, dass der Landkreis Görlitz beim Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich bundesweit an der Spitze steht und der Erzgebirgskreis nur knapp dahinter liegt. Hier schauen wir etwas genauer auf die von der Bundesagentur für Arbeit am 20.07.2022 veröffentlichten Daten zu den monatlichen Durchschnittsentgelten von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten.

Beschäftigte erkämpfen höhere Entgelte

In Sachsen sind die Monatsentgelte von 2.742 € zum 31.12.2020 auf 2.857 € zum 31.12.2021 gestiegen. Das sind 115 € bzw. 4,4%. In Deutschland insgesamt betrug die Steigerung 89 € bzw. 2,6%. In Sachsen war die größte Steigerung im Landkreis Zwickau mit 149 € bzw. 5,4%. Die Beschäftigten in Sachsen sind selbstbewusster und kämpferischer geworden. Sie scheuen nicht die Auseinandersetzung mit den Arbeitgebern für bessere Löhne, die Angleichung Ost an West und für Tarifverträge. In den letzten Jahren konnten trotz der Corona-Pandemie Erfolge erzielt werden. Diese zahlen sich nun aus und schlagen sich nicht nur im Portemonnaie, sondern auch in der Statistik nieder.

Ost-West Unterschied und regionale Unterschiede

Nach wie vor liegen die Monatsentgelte in Sachsen aber unter denen in ganz Deutschland mit 3.516 €. Es besteht also nach wie vor Handlungsbedarf, um die Ost-West-Angleichung voranzubringen. Aber auch zwischen den Regionen gibt es deutliche Unterschiede zwischen den durchschnittlichen Monatsentgelten. Bemerkenswert ist, dass der Erzgebirgskreis in Sachsen die rote Laterne an den Landkreis Görlitz abgegeben hat.

Diagramm Medianlöhne Sachsen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entgeltstatistik, Stichtag 31.12.2021, eigene Darstellung DGB Sachsen

Unterschiede zwischen den Branchen in Sachsen

Die Höhe der Medianlöhne unterscheidet sich deutlich zwischen den Branchen. Die Spanne liegt zwischen 4.522 € bei der Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen und 1.871 € im Gastgewerbe. Die Medianlöhne sind gegenüber 2020 in allen Wirtschaftszweigen gestiegen, besonders stark bei Heimen und Sozialwesen mit einem Plus von 181 €.

Medianlöhne Sachsen nach Wirtschaftszweigen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entgeltstatistik, Stichtag 31.12.2021, eigene Darstellung DGB Sachsen.

Niedriglöhne sind in Sachsen noch weit verbreitet

Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich (unter 2.344 € monatlich) liegt mit 27,5% in Ostdeutschland deutlich höher als in Westdeutschland mit 16,0%. Und Sachsen liegt mit 30,5% nicht nur deutlich über Westdeutschland, sondern auch über Ostdeutschland. Bundesweit den höchsten Anteil hat der Landkreis Görlitz mit 40,9%, den niedrigsten hat Wolfsburg mit lediglich 6,5%. Auch hier hat der Erzgebirgskreis den Negativpreis an den Landkreis Görlitz abgegeben.

Niedriglöhne in Sachsen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entgeltstatistik, Stichtag 31.12.2021, eigene Darstellung DGB Sachsen

In Sachsen liegt der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor je nach Landkreis zwischen 21,5% in Dresden und 40,9% im Landkreis Görlitz. Die drei Städte Dresden, Leipzig, Chemnitz und der Landkreis Zwickau liegen unter 30%. Über 40% liegen der Landkreis Görlitz und der Erzgebirgskreis. Der Vogtlandkreis ist gegenüber 2020 unter die 40%-Marke gerutscht.

In welchen Branchen sind Niedriglöhne häufig?

Das Gastgewerbe fällt besonders negativ auf. In Deutschland arbeiten 66,8% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Gastgewerbe im Niedriglohnbereich. Hinzu kommen die Minijobs, die hier nicht miterfasst sind. Die Leiharbeit ist ebenfalls problematisch mit 64,6%. An dritter Stelle liegt die Landwirtschaft mit 50,8%.

Niedriglöhne in Deutschland nach Wirtschaftszweigen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entgeltstatistik, Stichtag 31.12.2021, eigene Darstellung DGB Sachsen.

Welche Merkmale spielen eine Rolle?

Sowohl bei der Höhe der Medianlöhne als auch bei der Betroffenheit von Niedriglöhnen spielt das Geschlecht weiterhin eine Rolle. Während der Medianlohn in Sachsen bei Männern bei 2.867 € liegt, beträgt er bei Frauen 2.834 €. Ausführliche Informationen zur Lohnlücke zwischen Frauen und Männern in Sachsen gibt es hier: https://sachsen.dgb.de/-/lwO.

Eine große Rolle spielt auch der Berufsabschluss. Ohne Berufsabschluss landen die Beschäftigten häufiger im Niedriglohnbereich, weil sie nur als Helferinnen oder Helfer beschäftigt werden. Der Medianlohn von Helfertätigkeiten liegt 674 € unter dem Medianlohn insgesamt in Sachsen.  

Weiter gibt es einen Unterschied nach der Staatsangehörigkeit. Der Medianlohn von ausländischen Beschäftigten liegt in Sachsen um 717 € unter dem von deutschen Beschäftigten. Die Daten für das Jahr 2020 zeigen, dass in Sachsen 61,9% der ausländischen Beschäftigten im Niedriglohnbereich entlohnt sind. Bei Beschäftigten aus Tschechien sind es sogar 76,2% und bei Beschäftigten aus Polen 72,2%. Damit lassen sich dauerhaft keine Fachkräfte aus den Nachbarländern gewinnen.

Was ist zu tun?

Einige Gründe für den hohen Anteil der Beschäftigten mit geringer Entlohnung sind bekannt, nicht neu und müssen gezielt angegangen werden.

Tarifbindung erhöhen!

Sachsen ist bundesweit Schlusslicht bei der Tarifbindung und es ist bekannt, dass die Löhne von Beschäftigten mit Tarifvertrag deutlich über denen ohne Tarifvertrag liegen. Die Rahmenbedingungen zur Erhöhung der Tarifbindung müssen jetzt geschaffen werden. Zentral ist dabei die Novellierung des Vergabegesetzes, um die Vergabe von Aufträgen durch den Freistaat und die Kommunen an die Tariftreue der Unternehmen zu binden. Viel zu lange wurden in Sachsen öffentliche Mittel für Billiglöhne eingesetzt. Auf Bundesebene muss schnell ein Bundestariftreuegesetz eingeführt werden. Weitere Schritte sind die Vereinfachung der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifvertragen, so dass diese für alle Unternehmen gelten. Der sogenannten „Ohne-Tarif-Mitgliedschaft“ in Arbeitgeberverbänden muss ein Riegel vorgeschoben werden, damit sich Unternehmen nicht aus der Tarifbindung herausstehlen können.

Betriebliche Mitbestimmung ausbauen!

Betriebs- und Personalräte sind in den Betrieben wichtige Garanten für eine angemessene Entlohnung, für gute Arbeitsbedingungen, hochwertige Aus- und Weiterbildung etc. Sie sorgen dafür, dass die Beschäftigten nach Qualifikation, Kompetenzen und Aufgaben eingruppiert werden. Die hohe Wahlbeteiligung bei den diesjährigen Betriebsratswahlen haben die Mitbestimmungsgremien gestärkt und die Arbeitgeber sind gut beraten, sie besser zu beteiligen. 

Aus- und Weiterbildung stärken!

Die Qualifikation hat einen wesentlichen Einfluss auf die Tätigkeit der Beschäftigten und auf die Entlohnung. Dem entsprechend muss die Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten gestärkt werden. Die Ausbildungsbedingungen von jungen Menschen müssen verbessert und die unbefristete Übernahme garantiert werden. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Strukturwandels werden die Kompetenzen der Beschäftigten eine immer wichtigere Rolle spielen. Die Personalentwicklung darf nicht auf die lange Bank geschoben werden. Auch der gesetzliche Anspruch auf Bildungszeit in Sachsen steht noch aus und muss zügig durch ein Bildungsfreistellungsgesetz umgesetzt werden.

Fachkräfteentwicklung gerecht gestalten!

Wer Fachkräfte anwerben und halten will, kann mit niedrigen Löhnen nicht im Wettbewerb um die Köpfe bestehen. Das gilt auch bei der Anwerbung im Ausland. Die Beschäftigten erwarten zu Recht ordentliche und ihrer Qualifikation entsprechende Löhne. Mit niedrigen Löhnen und Tätigkeiten im Helferbereich wird Sachsen für Zuwanderung aus dem Ausland nicht attraktiv sein.

#aktuell 9/2022 zum Download

 

Zu unserer Pressemitteilung Licht und Schatten bei der Entwicklung der Monatsentgelte in Sachsen. Landkreis Görlitz bundesweit beim Anteil der Geringverdiener an der Spitze.

 

Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Sozialversicherungspflichtige Bruttomonatsentgelte, veröffentlicht am 20.07.2022. Stand der Daten 31.12.2020. Der Bericht erscheint jährlich.


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