Deutscher Gewerkschaftsbund

21.07.2023

Kurzinfo #aktuell - Löhne in Sachsen: Tarifbindung jetzt stärken!

Einmal im Jahr veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit Daten zu den monatlichen Medianlöhnen von sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigten in den Bundesländern und Kreisen. Medianlohn heißt, dass 50 Prozent der Beschäftigten mehr und 50 Prozent weniger verdienen.

Medianlohn in Sachsen um 155 Euro gestiegen

Der Medianlohn ist gegenüber dem Vorjahr in Sachsen um 155 Euro monatlich bzw. 5,5 Prozent gestiegen. Bundesweit lag die Steigerung bei 130 Euro bzw. 3,7 Prozent. In Sachsen konnten also höhere Steigerungen erreicht werden als insgesamt in Deutschland.

Das ist nicht unerwartet, da in einigen Branchen die Lohnangleichung zwischen Ost und West an Fahrt aufgenommen hat. Die Beschäftigten sehen es nicht länger ein, mit niedrigen Löhnen abgespeist zu werden und sind bereit, sich mit den Gewerkschaften für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen mit den Arbeitgebern zu streiten und zu streiken. Das Selbstbewusstsein der Beschäftigten ist gewachsen und das ist gut so.

Ost-West Unterschied und regionale Unterschiede

Nach wie vor liegen die mittleren Monatsentgelte mit 3.012 Euro in Sachsen aber deutlich unter denen in Westdeutschland mit 3.752 Euro. Eine Lohnlücke von 740 Euro monatlich ist durch nichts zu rechtfertigen.

Aber auch gegenüber dem Medianlohn in Ostdeutschland in Höhe von 3.157 Euro liegt Sachsen noch zurück.

Es besteht dringender Handlungsbedarf in Sachsen, die Lohnlücken zu schließen.

Diagramm Medianlöhne Sachsen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entgeltstatistik, Stichtag 31.12.2022, eigene Darstellung DGB Sachsen

Im bundesweiten Vergleich liegen die Landkreise Görlitz und Erzgebirge auf dem letzten und vorletzten Platz. Auf dem Spitzenplatz liegt die Stadt Ingolstadt mit einem Medianlohn von 5.282 Euro monatlich.

Zitat Markus Schlimbach

 

Unterschiede zwischen den Branchen in Sachsen

Die Höhe der Medianlöhne unterscheidet sich deutlich zwischen den Branchen. Die Spanne liegt zwischen 4.613 € bei der Erbringung von Finanz- und Versicherungsdienstleistungen und 2.076 € in der Leiharbeit.

Gegenüber 2021 sind die Medianlöhne in allen Wirtschaftszweigen gestiegen, besonders stark im Gastgewerbe mit einem Plus von 280 Euro. Endlich kommt auch Bewegung in diese Branche, die bei den Löhnen lange die rote Laterne hatte.

Medianlöhne Sachsen nach Wirtschaftszweigen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entgeltstatistik, Stichtag 31.12.2022, eigene Darstellung DGB Sachsen.

Niedriglöhne sind in Sachsen noch weit verbreitet

Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich (unter 2.431 Euro monatlich) liegt in Sachsen mit 27,5 Prozent der Beschäftigten deutlich höher als in Westdeutschland mit 14,7 Prozent und in Ostdeutschland insgesamt mit 24,7 Prozent.

Positiv ist, dass die Zahl der Niedriglohnbeschäftigten gegenüber dem Jahr 2021 um 31.051 Beschäftigte bzw. 3 Prozentpunkte zurückgegangen ist. Ein Grund zur Zufriedenheit ist das aber nicht. Zu viele Beschäftigte in Sachsen sind noch davon betroffen.

Bundesweit den höchsten Anteil haben die Landkreise Görlitz und Erzgebirge mit jeweils 37,4 Prozent, den niedrigsten hat Wolfsburg mit lediglich 5,6 Prozent.

Niedriglöhne in Sachsen

Quelle: Bundesagentur für Arbeit, Entgeltstatistik, Stichtag 31.12.2022, eigene Darstellung DGB Sachsen

In allen Landkreisen und Städten in Sachsen ist die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor zurückgegangen. Eine wesentliche Ursache für den Rückgang ist die Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro im Oktober 2022. Die Erhöhung hat nicht nur dazu geführt, dass damit in Sachsen rund 314.000 zum Mindestlohn Beschäftigte mehr Geld in der Tasche hatten, sondern sie hat durch Verschiebungen im Lohngefüge auch weiteren Beschäftigten höhere Löhne gebracht.

Mehr Lohngerechtigkeit - was ist zu tun?

Einige Gründe für den hohen Anteil der Beschäftigten mit geringer Entlohnung in Sachsen sind bekannt, nicht neu und müssen endlich gezielt angegangen werden.

Tarifbindung erhöhen!

Gute Löhne gibt es nur mit Tarifvertrag. Bei der Tarifbindung steht Sachsen aber mit lediglich 42 Prozent der Beschäftigten und 15 Prozent der Betriebe gar nicht gut da. Die Tarifbindung und die Wichtigkeit von Tarifverträgen in Sonntagsreden zu beschwören, reicht nicht mehr. Es muss jetzt gehandelt werden, indem besser Rahmenbedingungen für eine höhere Tarifbindung geschaffen werden. Eine entscheidende Stellschraube ist, öffentliche Mittel nur noch an Unternehmen mit Tarifvertrag zu vergeben. Was in anderen Bundesländern bereits geregelt ist, wird in Sachsen von der CDU blockiert. Viel zu lange wurden in Sachsen öffentliche Mittel für Billiglöhne eingesetzt. Wir brauchen jetzt eine Tariftreueregelung für das Land und die Kommunen im sächsischen Vergabegesetz! Auf Bundesebene muss jetzt schnell ein Tariftreuegesetz eingeführt werden. Weiter muss der „Ohne-Tarif-Mitgliedschaft“ in Arbeitgeberverbänden ein Riegel vorgeschoben werden, damit sich Unternehmen nicht aus der Tarifbindung herausstehlen können.

Betriebliche Mitbestimmung ausbauen!

Betriebs- und Personalräte sorgen dafür, dass die Beschäftigten nach Qualifikation, Kompetenzen und Aufgaben eingruppiert werden. Sie sind damit in den Betrieben wichtige Garanten für eine angemessene Entlohnung, für gute Arbeitsbedingungen, hochwertige Aus- und Weiterbildung etc. Ihre Arbeit muss gestärkt und darf nicht behindert werden.

Aus- und Weiterbildung stärken!

Die Qualifikation hat einen wesentlichen Einfluss auf die Tätigkeit der Beschäftigten und auf die Entlohnung. Der Medianlohn von Beschäftigten ohne Berufsabschluss liegt mit 2.300 Euro um 712 Euro unter dem aller Beschäftigten in Sachsen. Mit einem anerkannten Berufsabschluss liegt er bei 2.835 Euro und mit einem akademischen Berufsabschluss bei 4.678 Euro. Ähnlich sieht die Spreizung der Medianlöhne nach Tätigkeiten aus. Bei Beschäftigten mit Helfertätigkeiten liegt der Medianlohn bei 2.339 Euro, bei Fachkräften bei 2.770 Euro, bei Spezialisten bei 3.712 Euro und bei Experten bei 4.964 Euro.

Dem entsprechend muss die Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten gestärkt werden. Die Ausbildungsbedingungen von jungen Menschen müssen verbessert und die unbefristete Übernahme garantiert werden. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Strukturwandels werden die Kompetenzen der Beschäftigten eine immer wichtigere Rolle spielen. Auch der gesetzliche Anspruch auf Bildungszeit in Sachsen steht noch aus und muss zügig durch ein Bildungsfreistellungsgesetz umgesetzt werden.

Fachkräfteentwicklung gerecht gestalten!

Häufig wird die Attraktivität Sachsen für Fachkräfte aus dem In- und Ausland beschworen. Beschwörungen helfen aber nicht, wenn die Realität anders aussieht. Wer Fachkräfte anwerben und halten will, kann mit niedrigen Löhnen im Wettbewerb um die Köpfe nicht bestehen. Das gilt auch bei der Anwerbung im Ausland. Der Medianlohn von Ausländerinnen und Ausländern liegt in Sachsen mit 2.390 Euro um 622 Euro unter dem aller Beschäftigter in Sachsen.

Die Beschäftigten erwarten zu Recht ordentliche und ihrer Qualifikation entsprechende Löhne. Mit niedrigen Löhnen und Tätigkeiten im Helferbereich wird Sachsen für Zuwanderung aus dem Ausland nicht attraktiv sein. Andere Bundesländer bieten bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Download der Kurzinfo:

 

Zu unserer Pressemitteilung Von Lohngerechtigkeit kann keine Rede sein. Kreis Görlitz und Erzgebirgskreis bundesweit Schlusslicht bei Entgelten

Datengrundlage: Bundesagentur für Arbeit, Sozialversicherungspflichtige Bruttomonatsentgelte, veröffentlicht am 20.07.2023. Stand der Daten 31.12.2022. Der Bericht erscheint jährlich.


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