Deutscher Gewerkschaftsbund

30.11.2015
Arbeitszeitkonferenz 25.11.2015 in Leipzig

"Wem gehört meine Zeit - dem Unternehmen oder mir?"

Bei der Arbeitszeitkonferenz „Wem gehört meine Zeit – dem Unternehmen oder mir?“ am 25.11.2015 in Leipzig diskutierten Betriebs- und Personalräte mit Vertretern/innen aus Politik, Wissenschaft und Gewerkschaften. Die Themen waren vielfältig. Es ging unter anderem um, die Entgrenzung von Arbeit, die Gestaltung von lebensphasenorientierte Arbeitszeit, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und hohe Arbeitsbelastung.

Der stellvertretende DGB-Vorsitzende Markus Schlimbach macht in seiner Begrüßung deutlich, dass die Frage der Arbeitszeit mehrere Dimensionen hat: einerseits ist von der Arbeitszeit die Höhe des Einkommens abhängig, andererseits bedeuten längere Arbeitszeiten auch einen Verlust von Freizeit oder Familienzeit. Unbefriedigend bleibt für viele Familien, dass gemeinsame Zeiten nur noch vom Schichtplan bestimmt werden und selbst das Wochenende nicht mehr tabu ist. Deshalb ist für Gewerkschaften eine neue Arbeitszeitdebatte notwendig.

Der Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr Martin Dulig begann seine Eröffnungsrede mit den Worten „Samstags gehört Vati mir!“. Damit verwies auf die 1956 vom DGB geführte Kampagne zur Einführung der Fünf-Tage-Woche mit einer Wochenarbeitszeit von 40 Stunden und den hohen Stellenwert des Themas Arbeitszeit im gesellschaftlichen und betrieblichen Zusammenhang.

Der Arbeitsminister betonte, dass die Gestaltung der Arbeitszeit das zentrale Element der Arbeitswelt der Zukunft und der persönlichen Lebensgestaltung im Spannungsfeld betrieblicher und technologischer Entwicklung sei.

Er plädierte für ein Leitbild einer lebensphasen-orientierten Personalpolitik, im Sinne von Familienarbeitszeit, partnerschaftlicher Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern („große Teilzeit“) und Möglichkeiten zur Gestaltung von Lebensphasen, in denen die Pflege von Angehörigen, Qualifizierung in beruflichen und privaten Kontext oder das ehrenamtliche Engagement im Vordergrund stehen.

Staatsminister Duligs Motto lautete: „Wir wollen ein individualisiertes Leben“, ein Normalarbeitsverhältnis, das arbeitnehmerorientierte Flexibilisierung mit einer angemessenen Absicherung der Beschäftigten verbindet.

Dr. Steffen Lehndorff vom Institut Arbeit und Qualifikation sprach sich dafür aus, Kurze Vollzeit attraktiv und die Lange Vollzeit zum Konfliktthema zu machen. Leitbilder der Gestaltung von Arbeitszeit müssen aus seiner Sicht sein: „Kurze Vollzeit als Chance für alle“ zu verstehen (variable Lebensarbeitszeit), „Mehr Zeit für mich“ (Verfügung über die eigene Zeit) und „Gerechtigkeit“ im Bezug auf Arbeitszeit in Ost und West, Aufteilung der Arbeitszeit auf die Geschlechter und bezogen auf Beschäftigte und Arbeitslose.

Sabine Zach, tarifpolitische Sekretärin beim IG Metall Bezirk Berlin-Brandenburg-Sachsen, stellte die Ergebnisse der Befragung „Unsere Leben braucht Zeit“ vor, bei der Arbeitnehmer/innen aus Betrieben der Metall- und Elektroindustrie befragt wurden (siehe Vortrag). Zach plädierte dafür, dass endlich Schluss sein muss mit dem Verfall von Arbeitszeit und damit die Entlohnung von tatsächlich geleisteter Arbeitszeit betrieblich zum Thema gemacht werden muss.

Sie sprach sich dafür aus, dass Flexibilität keine Einbahnstraße sein darf, in der nur die betrieblichen Interessen berücksichtigt werden. Vielmehr müsse es darum gehen persönliche Souveränität im Umgang mit der Zeit zu erlangen. Es geht um Stabilität, Sicherheit und Selbstbestimmtheit bei der Gestaltung der Arbeitszeit.  

Im Rahmen der Podiumsdiskussion brachte Sylvia Skrabs, Tarifpolitische Grundsatzabteilung beim ver.di Bundesvorstand, die Idee der Verfügungszeit ein. Dabei haben alle Beschäftigte Anspruch auf 14 Verfügungstage im Kalenderjahr ohne Lohnverlust. Das ist auch eine Reaktion darauf, dass im Dienstleistungsbereich höchst unterschiedliche Arbeitszeiten gelten, gleichzeitig aber ein hohes Bedürfnis nach selbstbestimmter Freizeit besteht.

Ein besonders informativer und zu gleich unterhaltsamer Teil der Veranstaltung war die Gesprächsrunde mit drei Betriebsräten aus den Bereichen Einzelhandel, Lebensmittelproduktion und Automobilzulieferer, die über ihren betrieblichen Alltag der Arbeitszeitgestaltung berichteten. Ina Taute-Hässelbarth berichtete über das Konzept der generellen Unterbesetzung in Kombination mit Teilzeitarbeitsverträgen bei ALDI; Guido Machowski verdeutlichte die Schwierigkeiten eines Automobilzulieferers, dessen Personal- und Schichtplan kurzfristig erst nach der Produktionsplanung des Autoherstellers erfolgen kann; David-Alexander Straub stellte die Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei der Wurzener Dauerbackwaren GmbH vor.

Erik Wolf, Regionsgeschäftsführer des DGB Leipzig, machte in seiner Schlussbemerkung deutlich, dass bei aller Unterschiedlichkeit in Branchen und Betrieben, die Arbeitszeit ein zentrales gewerkschaftliches Betätigungsfeld ist, wir dafür aber einen gesellschaftlichen Rückhalt brauchen. Dafür hat die Konferenz einen guten Grundstein gelegt.


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