Deutscher Gewerkschaftsbund

06.01.2022
#aktuell

aktuell 1/2022: Niedrige Monatsentgelte sind kein gutes Markenzeichen!

Wie eine Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der aktuellsten Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt, gehören niedrige Monatsentgelte für viele Beschäftigte in Sachsen nach wie vor zur Arbeitsrealität. Auch wenn in Ostdeutschland von 2011 zu 2020 der Anteil der sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigen im Niedriglohnbereich um 10 Prozentpunkte von 39,3% auf 29,1% zurückgegangen ist, lohnt sich ein genauer Blick auf Sachsen.

Ost-West Unterschied und regionale Unterschiede

Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnbereich liegt mit 29,1% in Ostdeutschland deutlich höher als in Westdeutschland mit 16,4%. Und Sachsen liegt mit 32,6% nicht nur deutlich über Westdeutschland, sondern auch über Ostdeutschland. Innerhalb Deutschlands bestehen ebenfalls große Unterschiede. Bundesweit den höchsten Anteil hat der Erzgebirgskreis mit 43,2%, den niedrigsten hat Wolfsburg mit lediglich 6,4%.

Wo sind die schlecht bezahlten Jobs in Sachsen?

In Sachsen liegt der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor je nach Landkreis zwischen 23,3% in Dresden und 43,2% im Erzgebirgskreis.

Diagramm Niedriglöhne Sachsen

Quelle: WSI Policy Brief Nr. 64, Januar 2022, eigene Darstellung. Daten Bundesagentur für Arbeit, Stichtag 31.12.2020.

In Sachsen liegen die drei Städte Dresden, Leipzig und Chemnitz unter 30%. Die Landkreise liegen alle über 30%. Über 40% liegen der Erzgebirgskreis, der Landkreis Görlitz und der Vogtlandkreis.

In welchen Branchen sind die niedrigen Löhne?

Das Gastgewerbe fällt besonders negativ auf. In Deutschland arbeiten 68,9% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Gastgewerbe im Niedriglohnbereich. Hinzu kommen die Minijobs, die hier nicht mit erfasst sind. Die Leiharbeit ist ebenfalls höchst problematisch mit 67,9%. An dritter Stelle liegt die Landwirtschaft mit 52,7%.

Niedriglöhne nach Wirtschaftszweigen

Quelle: WSI Policy Brief Nr. 64, Januar 2022, eigene Darstellung. Daten Bundesagentur für Arbeit, Stichtag 31.12.2020.

In Sachsen sind die Zahlen für das Gastgewerbe noch dramatischer. 81,7% der Beschäftigten in Sachsen arbeiten in dieser Branche im unteren Entgeltbereich. Im Erzgebirgskreis sind es sogar 89,2%, in Mittelsachsen 87,3%, im Vogtlandkreis 87,2% und in der Sächsischen Schweiz – Osterzgebirge 85,7%.

Diagramm Niedriglöhne im Gastgewerbe

Quelle: WSI Policy Brief Nr. 64, Januar 2022, eigene Darstellung. Daten Bundesagentur für Arbeit, Stichtag 31.12.2020.

Welche Merkmale spielen eine Rolle?

Bei Frauen ist der Anteil der im Niedriglohnbereich Beschäftigten deutlich höher. Bundesweit liegt der Anteil bei Frauen bei 25,4%, während er bei Männern bei 15,4% liegt. In Sachsen liegt der Anteil bei Frauen bei 37,1% und der bei Männern bei 32,6%. Auch hier gibt es deutliche regionale Unterschiede. Bei Frauen liegt der Anteil in Sachsen zwischen 25,6% in Dresden und 52,8% im Erzgebirgskreis. Mehr als jede zweite Frau arbeitet damit im Erzgebirge zum Niedriglohn!

Außerdem sind die unter 25-Jährigen besonders betroffen. Eine große Rolle spielt auch der Berufsabschluss. Ohne Berufsabschluss landen die Beschäftigten häufiger im Niedriglohnbereich, was auch damit zusammenhängt, dass sie als Helfer beschäftigt werden.

Ebenfalls entscheidend ist die Betriebsgröße. In Kleinstbetrieben ist der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohn besonders häufig. In größeren Betrieben sind niedrige Löhne eher selten anzutreffen, was vor allem an der höheren Tarifbindung und bestehenden Mitbestimmungsstrukturen liegt.

Weiter gibt es einen Unterschied nach der Staatsangehörigkeit, der in Sachsen im Vergleich zu ganz Deutschland außergewöhnlich hoch ist. In Sachsen sind 61,9% der ausländischen Beschäftigten im Niedriglohnbereich entlohnt. Bei Beschäftigten aus Tschechien sind es sogar 76,2% und bei Beschäftigten aus Polen 72,2%. Damit lassen sich dauerhaft keine Fachkräfte aus den Nachbarländern gewinnen.

Was ist zu tun?

Einige Gründe für den hohen Anteil der Beschäftigten mit geringer Entlohnung sind bekannt und müssen gezielt angegangen werden.

Tarifbindung erhöhen!

Sachsen ist bundesweit Schlusslicht bei der Tarifbindung und es ist bekannt, dass die Löhne von Beschäftigten mit Tarifvertrag deutlich über denen ohne Tarifvertrag liegen. In Sachsen betrug der Unterschied nach Daten des WSI für 2019 bei den durchschnittlichen Bruttomonatsentgelten 870 Euro im Monat. Es müssen nun schleunigst Maßnahmen erfolgen, um die Tarifbindung in Sachsen zu erhöhen.

Zentral ist dabei ein modernes Vergabegesetz mit einer Tariftreueregelung bei der Vergabe öffentlicher Mittel im Freistaat und in den Kommunen. Viel zu lange wurden in Sachsen öffentliche Mittel für Billiglöhne eingesetzt.

Auf Bundesebene muss schnell ein Bundestariftreuegesetz eingeführt werden. Weitere Schritte sind die Vereinfachung der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifvertragen, so dass diese für alle Unternehmen gelten. Der sogenannten „Ohne-Tarif-Mitgliedschaft“ in Arbeitgeberverbänden muss ein Riegel vorgeschoben werden, damit sich Unternehmen nicht aus der Tarifbindung herausstehlen können.

Betriebliche Mitbestimmung ausbauen!

Betriebs- und Personalräte sind in den Betrieben wichtige Garanten für eine angemessene Entlohnung, gute Arbeitsbedingungen, der Aus- und Weiterbildung etc. Sie sorgen dafür, dass die Beschäftigen nach Qualifikation, Kompetenzen und Aufgaben eingruppiert werden. Ab März 2022 finden in Deutschland Betriebsratswahlen statt und es muss alles dafür getan werden, dass Arbeitgeber diese nicht behindern oder verhindern. Die Gründung, die Wahlen und die Tätigkeit von Betriebsräten sind gesetzlich geschützt. Diese Rechte gilt es durchzusetzen.

Aus- und Weiterbildung stärken!

Die Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten muss gestärkt werden. Die Ausbildungsbedingungen müssen verbessert und die unbefristete Übernahme garantiert werden. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Strukturwandels werden die Kompetenzen der Beschäftigten eine immer wichtigere Rolle spielen. Die Personalentwicklung darf nicht auf die lange Bank geschoben werden.

Fachkräfteentwicklung gerecht gestalten!

Wer Fachkräfte anwerben und halten will, kann mit niedrigen Löhnen nicht im Wettbewerb um die Köpfe bestehen. Das gilt auch bei der Anwerbung im Ausland. Die Beschäftigten erwarten zu Recht ordentliche und ihrer Qualifikation entsprechende Löhne. Mit niedrigen Löhnen und Tätigkeiten im Helferbereich wird Sachsen für Zuwanderung aus dem Ausland auf Dauer nicht attraktiv sein.

Hintergrund und Datenquellen

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut hat im Januar 2022 eine Auswertung der Entgeltstatik der Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht: Eric Seils, Helge Emmler: Der untere Entgeltbereich. WSI Policy Brief Nr 64, Januar 2022.

https://www.wsi.de/de/arbeitszeiten-entlohnung-im-regionalen-vergleich-29696-unterer-entgeltbereich-34892.htm

Diese Auswertung ist Grundlage dieser Ausgabe „aktuell“ des DGB Sachsen zu niedrigen Monatsentgelten in Sachsen.

 

#aktuell 1/2022 zum Download

 

Zu unserer Pressemitteilung Niedrige Monatsentgelte sind kein gutes Markenzeichen von Sachsen. Erzgebirge bundesweit beim Anteil der Geringverdiener an der Spitze.


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